Wölfe

Es ist nicht mehr angenehm.
Das Zelt ist viel zu klein. Aus jeder Richtung kommen die schwarzen Wände immer näher. “Es erdrückt mich”, versuche ich ihm ins Ohr zu flüstern, stattdessen treffe ich sein Kinn. Glaube ich. “Das Zelt will mich zerquetschen”, hauche ich. Doch er gibt nur ein Grunzen von sich und fährt mit seiner Nasenspitze über meine Wange. Es kribbelt durch mein Gesicht. Wie elektrischer Strom. Durch meinen Hals bis in die Fingerspitzen. Sogar meine Zehen kribbeln!
Obwohl ich nichts sehe, weiß ich, dass der Rauch immer noch schwer an der Decke hängt. Ich spüre es. Er drückt von außen auf meinen Schlafsack. Als ob etwas Schweres auf mir läge.
Eigentlich liebe ich den Geruch über alles, aber jetzt wird mir nur noch schlecht davon. Dieser ekelerregende Geschmack. Er erfüllt meinen ganzen Mund und wird immer intensiver, breitet sich bis in mein Hirn aus. Ich würde am liebsten kotzen. Und mit meinem Mageninhalt auch diesen Geschmack loswerden.
“Ich meine es ernst, ich sterbe gleich”, beharre ich.
“Tut mir leid, Schatz, ich bin voll drauf, sonst würde ich dich retten”, seufzt er leise, wie raschelndes Papier, schon halb eingeschlafen. Der ist wirklich komplett zu. Er versteht schon gar nicht mehr, was ich ihm sage. Ich kriege Panik. Aber das Denken fällt mir schwer, also lasse ich es sein.
Ich beruhige mich langsam und kuschele mich wieder an ihn.
Dann plötzlich. Ein Hund jault. Ganz weit weg. Oder ist es viel näher?
Ich schrecke auf und versuche mir das Geräusch wieder ins Gedächtnis zu rufen. Es dröhnt in meinem Kopf und ich halte mir die schmerzenden Ohren zu. Das muss ein Wolf gewesen sein! So laut kann kein Hund sein. Niemals. Und erst recht kein Einzelner. Ein ganzes Rudel ist das.
“Du hast mir gar nicht gesagt, dass es hier Wölfe gibt”, jammere ich in den dunklen Raum. Er brummt nur, nuschelt: “Schier … wusst’ ich gar nich’.”
Ich spüre, wie er sich umdreht. Oder zumindest höre ich es. Es raschelt ohrenbetäubend laut, als er die Zeltwand streift. Die Wand, die viel zu nah ist. Oder war das draußen? Sind die Wölfe schon da? War das gerade das Keuchen von einem Tier? Ich hab riesige Angst.
Ich blicke auf diesen wundervollen Menschen neben mir. Er schläft. Denke ich mal. Sehen kann ich ihn ja nicht. Noch nicht einmal die Umrisse. Also, wenn er einfach ganz ruhig und still hier drin liegen bleibt, machen die Wölfe ihm bestimmt nichts. Und ich gehe raus und verjage sie, damit ihm nichts passiert. Es darf ihm nichts passieren!
Das laute malmende Schnurren vom Reißverschluss. Erst, als ich das kühle Gras unter meinen nackten Knien spüre, fällt mir ein, dass ich kaum etwas an habe. Einen Slip und ein weites T-Shirt, aber das ist jetzt egal. Ich muss ein Leben retten. Also ich meine zwei. Zwei Leben muss ich retten. Hat das Wort “Leben” überhaupt eine Mehrzahl? Gibt es mehr als ein Leben? Leben ist doch eigentlich alles zusammen …
Eine sanfte, warme Brise streift mein verschwitztes Gesicht. Es ist angenehm. Ich will für immer hier bleiben. Die frische Luft. Ich schließe die Augen – und sehe trotzdem nicht weniger! Boah! Das schickt voll.
Ich öffne die Augen. Und schließe sie wieder. Kein Unterschied! Schier.
Ein Rascheln hinter mir reißt mich aus den Gedanken. Die Wölfe! Die Panik schnürt mir den Hals zu. Ich gucke mich um, aber natürlich sehe ich nichts. Aber vielleicht heißt das, dass der Wolf mich auch nicht sieht!
So leise wie ich nur kann, drehe ich den Kopf, um einen Orientierungspunkt zu finden, doch es leuchtet noch nicht einmal ein Fenster in der Ferne. Ja stimmt, das nächste Dorf ist ja erst ein paar Kilometer in irgendeine Richtung dort. Wir sind gestern stundenlang gelaufen. Und irgendwo da ist noch ein Berg. Oder ein Hügel. Irgendetwas in der Art. Aber ich weiß noch, dass rechts bergab der Strand ist, also gestern war er da. Da saßen wir noch und haben gegessen. Bei unserer Ankunft war das Meer aber leider schon 50 Meter weit weg, weil die Ebbe kam. Trotzdem sind wir noch ins Wasser natürlich nackt – doch nur ganz kurz, weil wir keine Lust hatten, noch weiter zum Strand zurück zu laufen. Außerdem wurde es langsam schon dunkel. Morgen früh gehen wir richtig schwimmen.
Wenn die Wölfe uns nicht kriegen.
Verdammtes Weed! Mein Kopf ist immer noch wie in Watte verpackt.
Ich bekomme plötzlich wieder panische Angst, als mir klar wird, dass ich eigentlich gar keine Chance gegen die Wölfe habe. Außer, ich hätte eine … Waffe!
Stock! Am Strand lagen gestern ganz viele angeschwemmte Holzteile, das weiß ich noch!
Ich renne in die vermutete Richtung, doch ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob das die richtige ist. War das doch nicht mehr rechts? Nein, ich spüre tatsächlich unter den Füßen, wie das Gras vom Sand abgelöst wird. Der Hang wird steiler und dann wieder flacher. Der Sand ist eiskalt. Wie der Schnee, der im Supermarkt unter den Fischen ist. Naja. Ist auch logisch, wir sind hier ja am Meer. Trotzdem tut es weh, darauf zu laufen. Ich spüre jedes einzelne Sandkorn, das sich in meine Füße bohrt (weil es eben doch Sand ist). Ich könnte sie zählen!
Auf einmal trete ich in eine scharfe Muschel und muss vor Schmerz inne halten. Ich taste nach der Muschel, die an meinem Fuß klemmt und fege sie weg.
Wie um alles in der Welt soll ich überhaupt einen Stock finden, wenn ich nicht einmal meine Füße sehe?
Wölfe sehen aber gut im Dunkeln, fällt mir plötzlich ein. Oder waren das die Katzen? Beide, glaube ich. Verdammt! Ich habe mich jetzt also völlig sinnlos auf den Schutz der Dunkelheit verlassen. Bestimmt sind mir die Wölfe dicht auf den Fersen. Also renne ich weiter.
Licht! Wölfe kann man doch mit Licht verscheuchen. Das steht in so einem Buch von meinem kleinen Bruder. Man muss das dann vor sich halten, weil das die Wölfe nicht mögen – bestimmt, weil sie so gut im Dunkeln sehen – und dann verschwinden sie. Ich brauche Licht, aber mein Feuerzeug liegt im Zelt. Nur doof, dass ich nicht früher darauf gekommen bin. Dann wäre alles ganz einfach gewesen. Dann wären die Wölfe bestimmt nicht einmal in unsere Nähe gekommen, wenn ich das Feuer einfach aus dem Zelt heraus gehalten hätte! – Aber ich habe doch eine Idee!
Ich muss zur Sonne. Die Sonne ist viel Licht. Sie wird mich retten. Sie wird uns beide retten. Gestern ist sie über dem Meer untergegangen. Da hat sie sich versteckt. Da vorne hinter dem Horizont. Es wird alles gut.
Ich laufe los. In die richtige Richtung. Ich weiß instinktiv, wo es lang geht. Die gute Sonne. Sie weiß einfach nicht, dass sie gebraucht wird. Sie muss uns retten. Ich muss ihr nur Bescheid sagen.
Ich renne so schnell wie ich kann. Dahin, wo die Sonne verschwunden ist. Wenn ich nur schnell genug bin, hole ich sie schon ein.
Ich komme gut voran. Das Watt ist abschüssig und der kühle Wind schiebt mich. Ich renne so schnell wie der Wind. Schneller als der Wind. Es gibt auf der ganzen Welt keinen Wolf, der schneller ist als ich. Ich sehe es vor meinen Augen, wie die Wölfe hinter mir her hetzen, ich brauche mich gar nicht umzudrehen. Ich sehe die Wölfe, wie ihnen die Zungen aus den riesigen Mäulern heraus hängen, eklig stinkender Atem, der aus den erschöpften Körpern heraus gestoßen wird und durch die gelben riesigen Zähne pfeift und über die riesigen Zungen streicht. Einer nach dem anderen macht schlapp. Und ich renne davon. Hinter den Horizont.
Zur Sonne, die den Wölfen den Gnadenschuss geben wird.
Der Sand unter meinen Füßen ist hart und feucht. Ich verstehe das nicht. Trocknet die Sonne nicht alles? Mein Atem geht immer unregelmäßiger. Schon wieder trete ich in eine Pfütze hinein, so dass es an meinen Beine hoch spritzt. Außerdem fängt es an zu jucken. Aber das ist alles nicht wichtig.
Ich renne einfach nur. Meine Lungen brennen, doch ich renne. Meine Beine jucken vom Schlick, doch ich renne.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich schon laufe, geschweige denn, wie weit der Strand weg ist. Ich weiß gar nichts mehr. Erst recht nicht, als ich bemerkte, dass das Jucken aufhört, weil ich durch hüfthohes Wasser wate und der Schlamm fortgespült wird. Das Wasser ist warm und angenehm, aber das Meer kommt nicht in meinem Plan vor. Es bringt mich aus dem Konzept. Doch auch wenn ich schon ewig keine Kraft mehr habe, bleibe ich nicht stehen. Meinen Plan soll es verdammt noch mal nicht durcheinander bringen, dann schwimme ich eben durch. Mein Plan …
Das Wasser wird immer schneller tiefer und ich beginne zu schwimmen. Mein Plan? Mich holt die Erschöpfung ein. Ich will stehen bleiben, aber meine Zehen reichen nicht mehr an den Boden. Egal wie sehr ich mich strecke. Was war noch mal mein Plan?
Mein Kopf ist leer. Ich weiß nicht einmal mehr, warum ich hier bin. Um mich herum nichts als Wasser.
Ich habe keine Angst. Ich mag das Meer. Hinter mir hellt der Himmel auf.

Paula Wünsch